Die Rolle der Frau im Alevitentum

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Eine offenkundige Besonderheit der alevitischen Lehre und des Zusammenlebens ist die Gleichstellung von Mann und Frau. Die alevitischen Familien erziehen ihre Töchter und Söhne zur Gleichberechtigung innerhalb der Geschlechter: Auch wenn der Alltag mit bestimmten und festgelegten Rollen verbunden ist, haben beide Geschlechter in der Gesellschaft äquivalente Rechte. Dieser Aspekt wird als ein wichtiges Element der alevitischen Kultur betrachtet. In der Kindererziehung werden Söhne und Töchter gleichgestellt und nach dem Prinzip erzogen, dass der Ältere für den Jüngeren verantwortlich ist, unabhängig vom Geschlecht. Es ist wichtig, dass beiden Geschlechtern der gleiche Zugang zu Bildung und Beruf ermöglicht wird. Die Beobachtungen der Alevitischen Gemeinde Deutschland zeigen, dass ein hoher Prozentsatz der alevitischen Mädchen höhere Bildungsabschlüsse erreicht, als im Allgemeinen bekannt ist. Denn der alevitische Ordensführer Hacı Bektaş Veli hatte bereits weise gesagt: "Der Weg, der nicht über das Wissen geht, führt in die Finsternis. Bildet eure Frauen."

Die Lebensräume von Frau und Mann werden im Alltag nicht getrennt, weil bestimmte Verhaltenskodizes das friedliche und sittsame Zusammenleben beider Geschlechter regeln. Der alevitische Grundsatz: "Hüte deine Hände, deine Zunge und deine Lenden" gilt für beide Geschlechter gleichermaßen. In diesem Grundsatz wird jedem Aleviten vermittelt, dass er nicht schlagen bzw. keine Gewalt anwenden, nicht lügen oder fluchen und keinen Ehebruch begehen soll. Durch diese Vorgaben wird das Sozialverhalten des Einzelnen in der Gemeinde geregelt und somit beiden Geschlechtern eine Mitwirkung in der Öffentlichkeit ermöglicht. Das unverschleierte Auftreten von Frauen im öffentlichen Raum wird nicht als Verführung der Männer betrachtet und auch nicht als Argument für mögliche Vergehen der Männer herangezogen.

Im alevitischen Glauben gibt es zwar keinerlei Unterdrückung der Frau, doch durch die patriarchalische Tradition kann es in der Praxis durchaus zur Diskriminierung der Frau kommen. In solchen Fällen hat die Frau die Möglichkeit, sich an den Geistlichen der Gemeinde zu wenden, der befugt ist, ihr Recht auch gegenüber ihrer eigenen Familie zu verteidigen. Ihr steht als Einzelperson das Recht zu, den Vorsteher der Gemeinde zu ihrer Verteidigung und zu ihrem Schutz anzurufen und sie braucht dafür keinen Stellvertreter oder Vormund.

In der Gemeinschaft ist die Rolle der Frau klar definiert: Eine alevitische Frau ist entweder Mutter, Partnerin oder Schwester und hat das Recht, in allen Lebensbereichen mitzubestimmen. Ihr steht eine aktive Mitgestaltung der Gemeinde und die Übernahme gemeinschaftlicher, politischer Aufgaben zu. Die Kopfbedeckung der Frauen in den ländlichen Regionen ist keine religiöse Pflicht, sondern eine traditionelle Bekleidung der dörflichen Gemeinschaft. Daher ist es alevitischen Frauen auch erlaubt, ohne Kopftuch an den religiösen Versammlungen "Cem" teilzunehmen und die 12 Hizmet (12 Dienste) zu verrichten. Die Frauen können völlig frei ihre Meinung äußern, an den Diskussionen teilnehmen und Kritik ausüben. In der Geschichte gab es zahlreiche ‘Ozan (Volksmusikerinnen), Şair (Dichterinnen) und sogar Führerinnen. Die alevitischen Frauen haben in Anatolien den Verein "Bacıyan" (Schwerterorden) gegründet, womit sie auch im gesellschaftlichen Kampf aktiv ihren Platz eingenommen haben.

 

Mürvet Öztürk, Vorsitzende Bund der Alevitischen Frauen Deutschland e.V.

 

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