Geschlechterverhältnis aus alevitischer Sicht

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von Mürvet Öztürk

Lebensweltliche Aspekte
Eine offenkundige Besonderheit der alevitischen Lehre und des Zusammenlebens ist die Gleichstellung von Mann und Frau. Die alevitischen Familien erziehen ihre Töchter und Söhne zur Gleichberechtigung innerhalb der Geschlechter: Auch wenn der Alltag mit bestimmten und festgelegten Rollen verbunden ist, haben beide Geschlechter in der Gesellschaft äquivalente Rechte. Dieser Aspekt wird als ein wichtiges Element der alevitischen Kultur betrachtet. In der Kindererziehung werden Söhne und Töchter gleichgestellt und nach dem Prinzip erzogen, dass der Ältere für den Jüngeren verantwortlich ist, unabhängig vom Geschlecht. Es ist wichtig, dass beiden Geschlechtern der gleiche Zugang zu Bildung und Beruf ermöglicht wird.

Die Beobachtungen der Alevitischen Gemeinde Deutschland zeigen, dass ein hoher Prozentsatz der alevitischen Mädchen höhere Bildungsabschlüsse erreicht, als im Allgemeinen bekannt ist. Denn der alevitische Ordensführer Hacı Bektaş Veli hatte bereits weise gesagt: "Der Weg, der nicht über das Wissen geht, führt in die Finsternis. Bildet eure Frauen."
Die Lebensräume von Frau und Mann werden im Alltag nicht getrennt, weil bestimmte Verhaltenskodizes das friedliche und sittsame Zusammenleben beider Geschlechter regeln. Der alevitische Grundsatz: "Hüte deine Hände, deine Zunge und deine Lenden" gilt für beide Geschlechter gleichermaßen. In diesem Grundsatz wird jedem Aleviten vermittelt, dass er nicht schlagen bzw. keine Gewalt anwenden, nicht lügen oder fluchen und keinen Ehebruch begehen soll. Durch diese Vorgaben wird das Sozialverhalten des Einzelnen in der Gemeinde geregelt und somit beiden Geschlechtern eine Mitwirkung in der Öffentlichkeit ermöglicht. Mit Ausnahme der sexuellen Beziehung wird der voreheliche Kontakt zwischen Männern und Frauen als normal betrachtet. Es ist in der Gemeinschaft üblich, dass sich Frauen und Männer im Alltag begegnen, sich unter Umständen näher kennen lernen und diese Beziehung möglicherweise durch eine Ehe besiegeln. Ein sittsamer Lebensstil wird jedoch für wichtig erachtet. Zu oft wechselnde Partnerschaften würden den Ruf sowohl eines Mannes, als auch einer Frau stark beeinträchtigen. Der Ruf, aber auch der Begriff der Ehre ist für die alevitische Gesellschaft ein durchaus wichtiges Element. Wird gegen den Ehrbegriff verstoßen, gilt es, dies dem Geistlichen (Dede) mitzuteilen, der dann über die Tat richtet. Eine Schlichtung durch den Dede beugt der Selbstjustiz vor. Das unverschleierte Auftreten von Frauen im öffentlichen Raum wird nicht als Verführung der Männer betrachtet und auch nicht als Argument für mögliche Vergehen der Männer herangezogen.
Im alevitischen Glauben gibt es zwar keinerlei Unterdrückung der Frau, doch durch die patriarchalische Tradition kann es in der Praxis durchaus zur Diskriminierung der Frau kommen. In solchen Fällen hat die Frau die Möglichkeit, sich an den Geistlichen der Gemeinde zu wenden, der befugt ist, ihr Recht auch gegenüber ihrer eigenen Familie zu verteidigen. Ihr steht als Einzelperson das Recht zu, den Vorsteher der Gemeinde zu ihrer Verteidigung und zu ihrem Schutz anzurufen und sie braucht dafür keinen Stellvertreter oder Vormund. In der Gemeinschaft ist die Rolle der Frau klar definiert: Eine alevitische Frau ist entweder Mutter, Partnerin oder Schwester und hat das Recht, in allen Lebensbereichen mitzubestimmen. Ihr steht eine aktive Mitgestaltung der Gemeinde und die Übernahme gemeinschaftlicher, politischer Aufgaben zu. Die Kopfbedeckung der Frauen in den ländlichen Regionen ist keine religiöse Pflicht, sondern eine traditionelle Bekleidung der dörflichen Gemeinschaft. Daher ist es alevitischen Frauen auch erlaubt, ohne Kopftuch an den religiösen Versammlungen "Cem" teilzunehmen und die 12 Hizmet (12 Dienste) zu verrichten. Die Frauen können völlig frei ihre Meinung äußern, an den Diskussionen teilnehmen und Kritik ausüben. In der Geschichte gab es zahlreiche ‘Ozan (Volksmusikerinnen), Şair (Dichterinnen) und sogar Führerinnen. Die alevitischen Frauen haben in Anatolien den Verein "Bacıyan" (Schwerterorden) gegründet, womit sie auch im gesellschaftlichen Kampf aktiv ihren Platz eingenommen haben.

Theologische Aspekte
Dem alevitischen Glauben zufolge hat Gott alle Menschen - Mann und Frau - gleichberechtigt geschaffen. Es gibt keinen Grund und kein Recht auf Ungleichbehandlung der Frau seitens der Männer. Die Frau ist ein Mensch und hat dieselben Rechte wie ein Mann inne. In religiösen Schriften wie dem Buyruk oder der Velayetname des Hacı Bektaş Veli wird für Männer und Frauen der Begriff "Geschwister" (bacı-kardeş) verwendet und damit werden beide im gleichen Atemzug genannt. In den Überlieferungen wird gesagt, dass im Ur-Gottesdienst der Vierzig (Kırklar Cemi) 17 Frauen und 23 Männer zusammen den rituellen Tanz Semah vollzogen haben sollen.
Mann und Frau sind Geschöpfe Gottes und als gleichberechtigte Lebewesen für einander geschaffen. Sie sind gemeinsam für das Leben und die Familie verantwortlich, das Sie geschaffen haben. Mann und Frau nehmen gemeinsam die Aufgaben des Alltags wahr und unterstützen sich gegenseitig in ihrer Umsetzung. Daher werden religiöse Rituale ebenfalls gemischtgeschlechtlich vollzogen. Das Verhältnis der Geschlechter zueinander ist z.B. während einer Cem-Zeremonie klar definiert; das Individuum in der Gemeinde ist entweder mit einem anderen Gemeindemitglied verheiratet, steht in einer direkten Blutsverwandtschaft oder einer gelobten Weggemeinschaft. Der Verhaltenskodex ist somit klar umrissen, weshalb ein freier Umgang zwischen den beiden Geschlechtern selbstverständlich ist. An der Semah-Zeremonie nehmen Ehemann und Ehefrau gemeinsam mit ihren Weggeschwistern (musahip) teil, mit denen sie durch ein Gelöbnis verbunden sind. Die Institution der Weggemeinschaft dient der zusätzlichen Stärkung der Bindungen innerhalb der Gemeinschaft. In der Regel ähneln diese Beziehungen einer Patenschaft, die junge Paare mit einem anderen Paar aus der Gemeinde eingehen, bei dem Männer und Frauen gleichberechtigte Funktionen bekleiden. In den Cem-Zeremonien stehen somit alle Teilnehmer in irgendeiner Beziehung zueinander. Auch wenn keine direkte verwandtschaftliche Beziehung gegeben ist, so stehen Gemeindemitglieder generell in einer geschwisterähnlichen Beziehung zueinander. Den Frauen ist während der Zeremonie keine bestimmte Kopfbedeckung auferlegt, da nicht die Bedeckung des Körpers vorrangig ist, sondern die Bedeckung des Geistes. Mit anderen Worten, das Gefühl des Respekts, der Scham und der Zurückhaltung ist das wesentliche Element, das einem gemeinsamen, gemischtgeschlechtlichen Semah-Ritual zu Grunde liegt.
Das Geschlechterverhältnis im alevitischen Glauben begründet die Möglichkeit, dass Frauen ebenfalls religiöse Ämter bekleiden dürfen. Während die männliche Gemeindeführer in den dörflichen Gemeinden "Dede" und in den Städten "Baba" genannt werden, haben weibliche Autoritätspersonen die Bezeichnung "Anasultan", "Ana Bacı" inne. Sie können dieselben Funktionen wie ihre männlichen Kollegen bekleiden und dieselben Aufgaben wahrnehmen. Die einzige Voraussetzung hierfür ist ihre fachliche Kompetenz und ihre Zugehörigkeit zu einer geistlichen Trägerfamilie (Ocak).
In der alevitischen Lehre wird die Monogamie praktiziert und die Polygamie ist verpönt. Sowohl der Mann als auch die Frau haben das Recht, den Partner frei zu wählen und zu heiraten. Die Scheidung ist zwar nur unter ganz schwierigen Umständen möglich, kann aber bei Missachtung der Ehepflichten von beiden Geschlechtern verlangt werden. Für eine Scheidung müssen jedoch triftige Gründe vorliegen, damit diese von der Gemeinschaft akzeptiert wird. In der Regel währt die Ehe bis zum Tode eines der Partner. Diejenigen, die sich von ihrem Ehepartner oder ihrer Ehepartnerin ungerechterweise trennen, werden als düşkün (Ausgestoßene) betrachtet und können unter Umständen aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden. In Scheidungs- und Erbfällen hat die Frau gleichberechtigten Anteil am gemeinschaftlichen Vermögen und kann dieses auch selbst verwalten, ohne einen männlichen Stellvertreter einsetzen zu müssen.

Ein Blick in die Geschichte
Zur Frage des Geschlechterverhältnisses im historischen Kontext wird als idealtypisches Beispiel die Ehe des Propheten Muhammad und seiner Gattin Hatice (Ḫadīǧa), aber auch die Ehe des Heiligen Ali und seiner Gattin Fatima gegeben. In beiden Ehen haben die Ehefrauen besondere Charaktere sowie einen hohen Einfluss auf historische Entwicklungen gehabt und gesellschaftliche Partizipation genossen. So dienen diese Paare als das perfekte Vorbild einer gleichberechtigten und respektvollen Beziehung zwischen Eheleuten, zwischen Mann und Frau.
Auch werden bei den Aleviten beide Frauen als starke und selbstbewusste Personen beschrieben, die in der Gesellschaft durchaus für ihr Recht und das ihrer Familie öffentlich eingetreten sind. Die Prophetengattin Hatice (Ḫadīǧa) als selbstbewusste, Handel treibende Frau symbolisiert für die alevitische Frau die Möglichkeit, sich beruflich frei zu entscheiden und zu entwickeln. Über die Prophetentochter Fatima wird berichtet, sie habe nach dem Tode ihres Vaters ihr Recht als Erbin eingefordert und eingeklagt. Dies dient als Beispiel dafür, dass die Frau einen gleichberechtigten Anspruch auf das Vermögen ihrer Vorfahren hat. Weiterhin genießen alle weiblichen Mitglieder der Ehli-Beyt, der Prophetenfamilie, großes Ansehen. Zu diesen gehören die Geschwister und Ehefrauen der 12 Imame, die im Rahmen der historischen Darstellungen, wie z.B. der Ermordung des Imams Ali und der Imame Hasan und Hüseyin, dem Martyrium in Kerbela etc. namentlich genannt und deren Schicksale ausführlich erzählt werden. Oft treten die Frauen der Ehli-Beyt als weise Frauen mit großen wahrsagerischen Fähigkeiten auf, die die Gefahren, denen ihre Söhne, Männer oder Brüder ausgesetzt sind, erahnen und sie vor diesen warnen. Trotz der Warnungen können sie meistens den Tod der Männer nicht verhindern und treten dann in den Erzählungen als klagende Frauen auf, die die Ungerechtigkeit gegenüber der Prophetenfamilie laut anklagen und von der islamischen Gemeinde Sühne einklagen. Die Schmach, die die Frauen der Ehli-Beyt nach der Ermordung des Imams Hüseyin in Kerbela ertragen mussten, und die ihnen von Seiten des Gegners Yazid I. zugefügt worden ist, wird ebenfalls als Demütigung der Ehre der Prophetenfamilie betrachtet und verurteilt. Aus diesen Erzählungen wird deutlich, dass die Frauen aus der Prophetenfamilie genauso gegen die Ungerechtigkeit angetreten und Opfer der Feinde geworden sind. Es wird immer wieder daran erinnert, dass auch die Frauen sich für die Glaubenslehre des Propheten Muhammad eingesetzt haben und dafür gestorben sind.
Eine weitere historische Figur, die für Bildung, Tapferkeit und Gerechtigkeit im Alevitentum steht, ist eine Sklavin des Imam Cafer Sadik namens Hüsniye. Hüsniye verkörpert eine gebildete und religiöse Frau, die in der Zeit des Abbasiden-Kalifen Harun ar-Raschid lebte und von Imam Cafer Sadik erzogen wurde. Sie ist in die wahre Lehre des Islams und in das Geheimnis von Muhammad und Ali eingeweiht, sodass sie den Wortstreit mit den berühmtesten Gelehrten aus Bagdad und Basra mit Leichtigkeit bewältigt. Das Wissen Hüsniyes symbolisiert die Gelehrsamkeit der Frau im Alevitentum und stellt ein Vorbild für hohe Bildung dar.
Wichtig ist, dass tapfere Männer sowie Frauen in den historischen Darstellungen gleichermaßen überliefert sind, an denen sich die Gemeinde heute orientieren kann. Durch die ausführliche Beschreibung der weiblichen Mitglieder der Ehli-Beyt wird der Frau innerhalb der Gemeinschaft eine gleichberechtigte Stellung und Position eingeräumt, die historisch legitimiert ist und sich von Vorbildern ableiten lässt. Dieser Tatbestand ist für das heutige Rollenverständnis sehr wichtig. Sich an diesen Bespielen orientierend, arbeiten heutzutage die meisten alevitischen Frauen verantwortungsvoll in allen Lebensbereichen des täglichen Lebens mit. Es gibt keine klassische Rollenverteilung in dem Sinne, dass der Mann für die finanzielle und die Frau für die häusliche Versorgung der Familie zuständig ist. Diese Lasten werden gleichermaßen von Mann und Frau geteilt und getragen.

Interreligiöse Aspekte
Im Alevitentum gibt es eine hohe Toleranz gegenüber den anderen monotheistischen Religionen, da auch diese an das Wort Gottes glauben und die Menschlichkeit in den Vordergrund ihrer Handlungen stellen. Daher sind sie interkonfessionellen und interreligiösen Ehen gegenüber aufgeschlossen. Wichtiger Grundsatz für die Befürwortung einer solchen Partnerschaft ist, dass beiden Personen die freie Ausübung ihrer Religionen überlassen und kein innerpartnerschaftlicher Druck ausgeübt wird. Auch sind die alevitischen Dedes für interreligiöse oder interkonfessionelle Eheschließungen und die religiösen Zeremonien durchaus zu gewinnen.
Aufgrund der traditionellen Erziehung mancher Familien wird jedoch die Eheschließung innerhalb der alevitischen Glaubenszugehörigkeit eindeutig bevorzugt. Trotz Gleichberechtigung der Geschlechter können Frauen in ihrer Partnerwahl, Berufswunsch etc. durchaus Einschränkungen ausgesetzt sein. Auch in Deutschland ist es oft schwierig, dass alevitisch-sunnitische oder alevitisch-christliche Ehen von Seiten der alevitischen Gemeinde akzeptiert werden. Hier sind weiterhin ein hohes Maß an Aufklärung, Austausch und der Abbau von Vorurteilen notwendig als ein wichtiger Aspekt im interreligiösen Dialog. Eine sozialpädagogische oder psychotherapeutische Beratung und Begleitung von jungen Menschen, die eine interreligiöse oder interkonfessionelle Partnerschaft eingegangen sind und von ihrer Gemeinde ausgeschlossen wurden, wäre eine wirksame Möglichkeit der Konfliktbewältigung.
Im interreligiösen Dialog sollte die Rolle der Frau in den jeweiligen Konfessionen und Religionen ebenfalls behandelt werden, weil oft Vorurteile einen wirklichen Umgang miteinander verhindern. Dadurch, dass viele Aleviten sich der Gleichberechtigung ihrer Frauen innerhalb der Gemeinde so sicher sind, werden dennoch vorkommende Diskriminierungsfälle übersehen oder verharmlost. Sie vertreten die Auffassung, dass nur die sunnitische Frau unterdrückt wird, die alevitische aber nicht. Umgekehrt betrachten viele Sunniten die Freizügigkeit der alevitischen Frau als schamlos und unsittsam. Daher werden interreligiöse Freundschaften zwischen alevitischen und sunnitischen Mädchen teilweise für problematisch erachtet. Das Thema der Gleichberechtigung innerhalb der Geschlechter, die Stellung der Frau, Bildungszugang, Ehre und Sitte könnten Kernpunkte eines interreligiösen Dialoges sein. Die Behandlung dieser Themen würde präventive Wirkung in Sachen Konfliktbewältigung haben und einen wichtigen Beitrag zur Integration von Frauen in die deutsche Gesellschaft leisten.

Aus: Multireligiöse Studiengruppe MUREST (Hrsg.), Handbuch interreligiöser Dialog -Aus katholischer, evangelischer, sunnitischer und alevitischer Perspektive Alevitische Gemeinde Deutschland e.V. AABF, Januar 2006

 

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